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Bei Kriegsende 1945 mussten Tausende Displaced Persons (Entwurzelte) in Landsberg untergebracht und versorgt werden. Sie waren Überlebende der Konzentrations-, Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlager. Jüdische Überlebende bezeichneten sich selbst als “She’erit Hapletah”, den Rest der Geretteten. Typhus erreichte die Stadt aus den ehemaligen Lagern. Zudem war die Strafanstalt Landsberg mit ca. 1.800 Gefangenen aus 14 Nationen belegt, die nach und nach entlassen wurden oder flüchteten. Die chaotischen Zustände bei Kriegsende schildert der damalige 1. Bürgermeister Johann Pfannenstiel:

“Eine große Zivilbevölkerung, viele Flüchtlinge, rund 7.000 Ausländer in der Kaserne, zahlreiche ehemalige Gefangene, die Besatzung und durchströmende Menschen, die wieder heim wollten, verlangten nach Brot und anderer Nahrung. Die Stadtbevölkerung und das Ausländerlager forderten Nahrung. Von dem Ausländerlager wurden täglich, um nur einen Tag herauszugreifen, angefordert: 4.000 Stück Brote zu je 2 Kilogramm, 10.000 Eier, 1.500 Liter Milch, 500 Weißbrote, 20-25 Zentner Fleisch, 200 Zentner Gemüse und Kartoffeln und vieles andere mehr. Jeden Tag änderten sich die Sätze, jeder Tag brachte neue Anforderungen. Die Menschen aus den Konzentrationslagern, die ausgehungert waren und nichts zum Anziehen hatten, mußten nicht nur mit Nahrungsmitteln versorgt werden, sie mußten auch bekleidet werden. Dazu kamen noch die zahllosen Anforderungen nach Wohnungen.”

Anfang Mai 1945 richtete die US-Army in der Saarburgkaserne und in umliegenden Häusern der Katharinenvorstadt das Displaced Persons Camp Landsberg ein. Die Kaserne war ursprünglich für eine Belegungsstärke von ca. 2.500 Soldaten ausgelegt. Im Lager lebten im November 1945 ca. 7.000 DPs, insgesamt durchliefen ca. 23.000 jüdische DPs das Camp. Bis November 1948 befand sich im Kloster St. Ottilien in den Räumen des Reservelazaretts ein Krankenhaus für DPs.

Der US-Major Irving Heymont wurde am 19. September 1945 als Lagerkommandant eingesetzt. Er initiierte eine weitgehende Selbstverwaltung im Lager mit Unterstützung von außen. Das Leben im Lager sollte erträglicher werden: Der Stacheldraht um das Lager verschwand und die hygienischen Verhältnisse besserten sich.Am 21. Oktober 1945 wählten die DPs ein Lager-Komitee und einen Lager-Präsidenten (Samuel Gringauz). David Ben Gurion, der spätere Staatsgründer Israels, besuchte das Camp. Nachdem nichtjüdische DPs in andere DP-Lager umgesiedelt worden waren, erhielt das Camp am 4. November 1945 die Bezeichnung “Jidiszes Centr”. Am 15. November 1945 übergab die Army die Lagerverwaltung an die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Im Sommer 1947 übernahm die IRO (International Refugee Organisation) die Verwaltung. Die UNRRA bzw. IRO war für Fragen der Hygiene zuständig, gab Befehle der US-Armee oder des Alliierten Kontrollrates weiter und überwachte die Ausführung, stellte DP-Ausweise und “esskartn” aus. Die Zahl der DP-Lagerbewohner wurde monatlich überprüft, nur wer im Lager wohnte, hatte Anspruch auf die Versorgung der UNRRA. Kindergarten, Schulen und eine Bibliothek entstanden, Kurse der Erwachsenenbildung und Sportveranstaltungen ergänzten das Angebot. Fachkurse und Ausbildungslehrgänge bereiteten auf das künftige Berufsleben vor. Der Kulturbereich umfasste Kino, Cafes, Theater, Chor und die Zeitung des Lagers, die von 1945 bis 1948 erschien.

Am 28. April 1946 entluden sich latent vorhandene Aggressionen gegenüber der deutschen Bevölkerung in spontanen Ausschreitungen mehrerer hundert DPs. Etwa 20 Landsberger wurden verletzt, es kam zu Sachbeschädigungen und Diebstählen. Die amerikanische Militärpolizei stellte die Ordnung wieder her; ein Militärgericht in Augsburg verurteilte 20 Täter wegen Aufruhrs und Störung der öffentlichen Ordnung.

Im Mai 1948 wurde der Staat Israel gegründet, eine Auswanderungswelle begann. Landsberg entwickelte sich zum Durchgangslager und nahm viele Bewohner der nach und nach geschlossenen DP-Camps der US-Zone auf. Die Displaced Persons wurden am 30. Juni 1950 deutscher Hoheit unterstellt und als “heimatlose Ausländer” bezeichnet.

Noch heute ist die Erinnerung mancher Landsbergerinnen und Landsberger an das Lager negativ besetzt. Die eigene materielle Not, Beschlagnahmungen und Plünderungen sowie Schwarzmarkt-Erlebnisse überlagern andere Fakten. Eine Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern sah sich mit den Folgen eines menschenverachtenden Regimes konfrontiert. Eine Massenunterkunft mit bis zu 7.000 Menschen ausländischer Herkunft war zu tolerieren und zu versorgen. Menschen, die in Landsberg nicht bleiben sollten (und auch nicht wollten) und fremd blieben. Mit dem Leid der Verfolgten während des Nationalsozialismus setzte man sich zu dieser Zeit nicht auseinander. Der Alltag der Deutschen und der DPs des Lagers wies nur wenige Berührungspunkte auf. Bekanntschaften zwischen Deutschen und Displaced Persons, die außerhalb des Lagers wohnten, entstanden naturgemäß über das Wohnverhältnis. Kommunikation zwischen Stadt und Lagerleitung fand selten direkt, meist über die UNRRA oder die lokale Militärregierung statt.

Erst am 1. Dezember 1948 besichtigten Oberbürgermeister Thoma, Stadträte und Vertreter anderer Behörden auf Vermittlung der Militärregierung das DP-Lager. Offenbar ging die Initiative vom Lager aus. Das Protokoll der Besichtigung zeigt jedoch die tiefen Gräben zwischen Stadt und Lager.

Der Lagerleiter erklärte: “Wir hatten schon sehr viele Besichtigungen, aber nur von Vertretern ausländischer Stellen und deshalb großes Interesse daran, dass auch die Deutschen unsere Verhältnisse kennen lernen. Wir kennen Landsberg schon von früher her, von der Zeit als wir um Landsberg in den KZ schmachteten. Nachdem wir aus den hiesigen KZ befreit worden sind, hat man erfahren, was wir in den Lagern durchgemacht haben ... Nach dem Eindruck, den Sie heute gewonnen haben, sind wir noch sehr weit entfernt von einem erträglichen Leben. Wir leben von der Unterstützung der IRO ... Wir tragen uns mit dem Gedanken, die Lager zu verlassen, um endlich in anderen Ländern, hauptsächlich in Palästina, ein neues Leben aufzubauen. Ich nehme Stellung gegen das Gerücht, daß wir zu gut wohnen, während in der Stadt eine große Wohnungsnot ist.”

Oberbürgermeister Thoma zeigte zwar “volles Verständnis für Ihre Lage, wir können Ihnen aber auch sagen, daß wir sehr unangenehme Dinge zu überwinden haben, besonders die Wohnungsnot; wir haben über 200 ausgesprochene Elendsquartiere ... Wir sind uns klar darüber, daß wir diese Not nur im gegenseitigen Benehmen beseitigen können, die Dinge bespricht und in der Wirklichkeit sieht ... Wir sahen die überzeugende Sicherheit und die Art, wie Sie Ihre Leute ausbilden für ihren späteren Beruf. Wir hatten keine Vorstellung von dem Fleiß und der Arbeitsintensität dieser Leute. Wir wollen keinen Streit, wir wollen die Dinge in Ruhe und Sachlichkeit lösen. Wir sind selbstverständlich verpflichtet und Sie werden es auch verstehen, daß wir zunächst die deutschen Belange wahrnehmen müssen, weil wir von den Deutschen gewählt sind.”

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Displaced Persons blieb bis zuletzt gespannt, noch im Mai 1950 fand in der Lokalpresse eine Auseinandersetzung über “unglaubliche sanitäre Zustände im DP-Lager” und eine davon angeblich ausgehende Seuchengefahr statt. Das DP-Lager wurde endgültig am 1. November 1950 geräumt.

(Foto oben: Eingang zum DP-Lager, ehem. Saarburg-Kaserne, 1945, Bernard Marks).

Haben Sie weitere Fragen zur Geschichte des DP-Lagers Landsberg? Dann wenden Sie sich bitte an das Stadtarchiv:



Stadtarchiv Landsberg am Lech
Stadtarchivarin
Elke Kiefer
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