Gegen das Vergessen und für das Gedenken

Mit einer schlichten Zeremonie am Landsberger Todesmarschdenkmal an der Neuen Bergstraße erinnerten Oberbürgermeisterin Doris Baumgartl, Kauferings Bürgermeister Thomas Salzberger sowie Pfarrerin Jutta Krimm am heutigen 27. Januar - dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus  - an den Holocaust.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die wenigen Auschwitz-Überlebenden. Dieser Jahrestag ist seit 1966 der bundesweit gesetzlich verankerte Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 haben ihn die Vereinten Nationen zusätzlich zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.

 

Rede von Oberbürgermeisterin Doris Baumgartl:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der 27. Januar, der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, ist seit 1996 in Deutschland ein offizieller Gedenktag für die Opfer und Verfolgten des Nationalsozialismus. 2005 wurde er von den Vereinten Nationen zudem zum Gedenken an den Holocaust als internationaler Gedenktag eingeführt.

Jedes Jahr legen wir gemeinsam hier am Todesmarschdenkmal Kränze nieder. Heute ist es noch stiller als in den Jahren zuvor.

Pandemiebedingt können wir unsere Gedanken nicht direkt mit anderen teilen und damit auch nicht den Schmerz, der uns immer wieder von neuem erfüllt, wenn es um das schrecklichste Verbrechen der Menschheit geht: die Schoa, der sechs Millionen Juden zum Opfer fielen, darunter mindestens eineinhalb Millionen Kinder.

Zutiefst berührend ist es vor allem auch deshalb, weil bei diesem sehr stillen Gedenken einmal mehr deutlich wird, dass die letzten Überlebenden bald nicht mehr bei und mit uns sein werden. Stellvertretend für viele denke ich an Zwi Katz, Uri Chanoch oder Solly Ganor, der im vergangenen Jahr 93jährig in Israel verstarb. Solange es ihnen möglich war, kehrten sie immer wieder an den Ort zurück, an dem ihnen die Nazis und ihre Schergen einerseits ihre Jugend zerstört hatten, aber auch an den Ort, an dem sie als Überlebende uns die Hände reichten.

Von rund 23 000 Häftlingen der elf KZ-Außenlager Kaufering/Landsberg -  es waren zu 99 Prozent Juden - wurden 6 500 von Juli 1944 bis zum April 1945 Opfer eines nie zuvor dagewesenen Verbrechens. Von ihnen als Menschen zu sprechen, die in der Hölle der Lager starben, ist eine verhüllende Umschreibung. Es ging um Vernichtung durch Arbeit. Es waren 6 500 Morde an hilf-, schutz- und wehrlosen Menschen.

6 500, diese Zahl entsprach 1944/45 ungefähr der Einwohnerzahl Landsbergs.
Ähnlich viele Landsbergerinnen und Landsberger lebten hier, als 20 Jahre zuvor, Adolf Hitler 1924 im Landsberger Gefängnis als privilegierter Festungshäftling seine Hass- und Hetzschrift „Mein Kampf“ verfasste. Damals noch vage, aber schon durchaus erkennbar, kündigte er die Vernichtung der Juden an. In drei Jahren jährt sich seine Haftentlassung zum einhundertsten Mal. Es ist ein Jahresdatum, das ein Anlass mehr dafür ist, darüber nachzudenken, was Worte bewirken: die Macht von Worten, aus denen Hass spricht und aus denen Ausgrenzung, Antisemitismus, Gewalt und Vernichtung werden können.

1924 – 2024, der Bedeutung dieses geschichtlichen Ereignisses sind wir uns als Stadt sehr bewusst. Dieses Bewusstsein schließt die Tatsache ein, dass es sich nicht auf ein Ereignis von rein lokaler Bedeutung reduzieren lässt. Es wird die gesamte Welt interessieren und tut es bereits heute.

Mit den KZ-Außenlagern Kaufering/Landsberg hatte sich der Kreis zwischen Hitlers Ankündigung in seinem ersten Band von „Mein Kampf“ und der Realisierung der Judenvernichtung geschlossen.

Eine heute vielgestellte Frage ist immer wieder die: Was kann man aus der Geschichte lernen? Wie Überlebende, die immer wieder hierherkamen und nicht müde wurden, ihre Geschichte und Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben, kann man die Antwort aller im Ergebnis auf einen Nenner bringen: Nie wieder!

Dieser eindringliche, von Verzweiflung wie Hoffnung gleichermaßen bestimmte Apell setzt Wissen voraus. Ohne das Wissen um die Vergangenheit kann es keine Wertebildung für die Zukunft geben.

Den Wert von Bildung erkannte auch der damals kaum 16jährige Samuel Pisar, Häftlingsnummer 127 177. Er hatte mehrere Konzentrationslager überstanden, war unter anderem knapp einer Selektion des berüchtigten KZ-Arztes Dr. Mengele in Auschwitz entgangen und schließlich nach weiteren KZ-Odysseen nach Kaufering deportiert worden. In der Nähe von Penzing gelang ihm während des Todesmarsches die Flucht. Er wurde von amerikanischen Soldaten aufgegriffen. Es war seine Befreiung. Mit seinen Freunden Nico und Ben, die seit der Ermordung seiner Eltern seine Familie waren, schloss Samuel Pisar einen Pakt: Wir wollen und wir werden leben!

In seiner Biografie „Das Blut der Hoffnung“ beschreibt er seine Bildungsreisen nach Paris, Australien und seinen Weg nach Amerika.
Er studierte in Harvard, wurde ein brillanter Jurist, gehörte zeitweise zum Beraterstab von Präsident John F. Kennedy, arbeitete für die UNESCO und er begleitete den französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d´Estaing, der ihm freundschaftlich verbunden war, schweren Herzens, wie er selbst einräumte, nach Auschwitz. In dem Kaddisch, posthum für seinen verstorbenen Freund Leonard Bernstein für dessen 3. Symphonie geschrieben, erklärt er: Wir können verzeihen, aber wir können nicht vergessen.

Für so viel menschliche Wärme, für so viel Würde und Großherzigkeit ist es schwer, angemessene Worte zu finden.
Mir bleiben nur tiefster Respekt, höchste Anerkennung und Demut.

Samuel Pisar habe ihm den Blick auf die Geschichte und die Welt geöffnet, sagte kürzlich Antony Blinken. Seit gestern ist er Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika. Und der 2015 verstorbene Samuel Pisar war sein Stiefvater.

Lassen Sie uns gegen das Vergessen und für das Gedenken eintreten!