Wege des Gedenkens: Info-Abend der Stadt Landsberg

Stolpersteine, Erinnerungszeichen oder eigener Weg des Gedenkens? Am Montag lud das Landsberger Stadtmuseum Mitglieder des Stadtrats und die Bürgerschaft dazu ein, sich über das Thema dezentraler Erinnerungsformen an Opfer des Nationalsozialismus vertieft zu informieren. Wissenschaftler aus München und Kaufbeuren standen mit ihrer Expertise für Fragen zur Verfügung.

Vorausgegangen war eine Entscheidung des Bildungs-, Sozial- und Kulturausschusses im Juni 2021. Am Informationsabend ging es um das individualisierte und dezentrale Erinnern von Landsberger Bürgerinnen und Bürgern, die im Nationalsozialismus verfolgt, verschleppt oder ermordet worden sind. Museumsleiterin Sonia Fischer führte in das Thema mit Beispielen umliegender Kommunen ein und ging auf die Schicksale der betroffenen Landsberger Bürgerinnen und Bürgern ein. 

Während über die Lebenswege der sechs vertriebenen jüdischen Familien durch die Recherchen von Volker Gold und Franz Xaver Rößle sehr viel bekannt ist, gibt es bislang keine Forschungsergebnisse zur Personengruppe der Sinti und Roma oder Zeugen Jehovas, die in Landsberg Opfer des Nationalsozialismus geworden sind. Sonia Fischer stieß bei ihren Recherchen für die neue Dauerausstellung im Museum auf Landsberger und Landsbergerinnen, die bislang wenig Beachtung fanden: Johann Schnapp z.B. der nach §175 als Homosexueller zu fünf Jahren Konzentrationslager verurteilt worden ist oder Hilfsarbeiter Lorenz Frühschütz, der im Alter von 31 Jahren als Kriegsdienstverweigerer vor einem Sondergericht verurteilt und im Gefängnis München-Stadelheim hingerichtet worden ist. Wilhelmine Haussner wurde im Alter von 13 Jahren im Zuge der T4-Aktion aus der Pflegeeinrichtung Schönbrunn nach Eglfing-Haar „verlegt“ und war eine der etwa 230.000 Menschen, die den Krankenmorden der Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

Zum Thema „Euthanasie“ ergänzte Professor von Cranach, dass die Aufklärung über die Krankenmorde und die Verstrickung der Ärzteschaft in die NS-Verbrechen erst in den 80er Jahren begann. Seine eigenen Recherchen zur Beteiligung des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, dem er als leitender ärztlicher Direktor von 1980 bis 2006 vorstand, sowie sein unermüdliches Engagement in der Gedenkarbeit wurden mehrfach ausgezeichnet. Erst die Änderung des Archivgesetzes 2016 habe dazu geführt, dass die Namen von NS-„Euthanasie“-Opfern veröffentlicht werden dürfen, was nun die Chance biete, diesen Familiengeschichten Gehör zu schenken.

Dr. Maximilian Strnad von der Koordinierungsstelle Erinnerungszeichen im Stadtarchiv München stellte im Anschluss den Entscheidungsprozess in München vor, der 2017 zu einer eigenen Form der „Erinnerungszeichen“ geführt habe. Im Wesentlichen wollte der Münchner Stadtrat die Form des Gedenkens an die Opfer „auf Augenhöhe“ bringen, weil von Angehörigen und Vertretern von Opfergruppen Bedenken ritueller Art geäußert wurden. Inzwischen habe die Stadt München gut 130 Zeichen an ermordete Opfer versetzt und Anfragen von anderen Kommunen wie Oldenburg und Ingolstadt, die das Münchner Beispiel übernehmen möchten. 

Museumsleiterin Petra Weber stellte die Situation in Kaufbeuren vor, wo 2020 die ersten vier Stolpersteine im Nachgang zur Ausstellung „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz“ verlegt worden sind. Ein breiter Partizipationsprozess begleitete die Ausstellung, aktuell konzipiert das Museum mit Jugendlichen eine App mit den Geschichten der Verfolgten, die von der fiktiven 16-jährigen Lisa im Stadtrundgang entlang der Steine erzählt werden. 

Diese persönlichen Geschichten seien es, so meldete sich Volker Gold zu Wort, die die Menschen berühren. Die Emotionalisierung über die Biographien sei in jedem Falle eine wichtige Ergänzung zu den Stolpersteinen oder Erinnerungszeichen. Dr. Strnad bestätigte dies und verwies darauf, dass die Projekte, egal welches Zeichen in Form eines Stolpersteins oder eines Erinnerungszeichens gewählt worden sei, stets kontextualisiert werden müssten. Ob Gedenkbücher, Webseiten oder Apps, interessant sei an der dezentralen Erinnerung, dass die Biographien ja nicht den Menschen auf sein Verfolgungsschicksal reduzierten, sondern eine ganze Lebensgeschichte wieder ins Bewusstsein hole.

Dr. Fees-Buchecker, stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins, bekundete die Unterstützung des Vereins, Biographien zu recherchieren. Eine Geschichtslehrerin vom DZG zeigte ebenfalls großes Interesse an der Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern. 

Abschließend resümierte Oberbürgermeisterin Doris Baumgartl, dass das Interesse an der Zeitgeschichte groß sei und die Stadt Landsberg am Lech sich dieser Verantwortung bewusst stelle. Die Entwicklung und Umsetzung verschiedener Projekte brächten dies in den vergangenen beiden Jahren zum Ausdruck: Launch der Webseite Landsberg-Kaufering-erinnern.de, Neukonzeption der Dauerausstellung zur Zeitgeschichte im Stadtmuseum, verschiedene Grundsatzbeschlüsse, u.a. auch zur Weiterentwicklung des Lagers Kaufering VII, die begonnene Auseinandersetzung mit kritischen Straßenbenennungen oder auch das kürzlich stattgefundene Liberation Concert, das einen neuen Weg aufzeigte, wie Erinnerungen in die Zukunft gedacht werden kann und gerade Jugendliche einbindet. Dass nun auch die dezentrale Erinnerungsform zeitnah entschieden werden soll, ist notwendig und folgerichtig. Für eine zeitnahe Entscheidung ist noch zu klären, ob eine Verwendung der Münchner Erinnerungszeichen für Landsberg überhaupt in Frage käme. München gedenkt mit den Erinnerungszeichen bisher nur ermordeten Jüdinnen und Juden. Eine Verwendung für die in Landsberg am Lech wichtigste Opfergruppe, nämlich Jüdinnen und Juden, die ihre Heimat verlassen mussten, die die NS-Zeit überlebten, ist bisher nicht vorgesehen. Der nächste Schritt sei diese Klärung, bevor der Stadtrat eine Entscheidung treffen könne.